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Abseits

Fünf künstlerische Positionen


Michael Kruscha - Berlin
Joachim Lehrer - Tübingen
Silvia Reuße - Dortmund
Sandra Riche - Berlin
Susanne Scholz - Lauchheim


12. November bis 19.Dezember 2010

Einführung:

Klaus Grundmann, Dipl. Designer, Innenarchitekt

Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich darf Sie wieder ganz herzlich heute Abend zur Ausstellungseröffnung des Badischen Kunstforums begrüßen.

Das Badische Kunstforum zeigt nunmehr seit zwei Jahren Kunst in diesen Räumlichkeiten. Bei der Auswahl der Künstler durch das Kuratorium zum Thema dieser Ausstellung  „ABSEITS“ haben wir uns große Mühe gegeben, möglichst unterschiedliche künstlerische Positionen zu zeigen.

Unser Anliegen dabei ist es stets, zur Auseinandersetzung über ein Thema oder eine künstlerische Position aufzufordern. Themen sind meist solche, die nicht immer im Focus unserer Gesellschaft stehen.

Was assoziiert man mit dem Thema - Abseits ?

Zunächst ist der räumliche Abseitsbegriff nahe liegend, den wir alle aus dem Sport oder dem alltäglichen Leben kennen.

Dieser beschreibt eine örtliche Position außerhalb der Regelsituation.

Wenn Gewohntes sich an ungewohntem Ort wieder findet, unterbricht es bekannte eingefahrene Strukturen und fordert zum Überdenken und Nachdenken auf.

Von einem anderen Standpunkt aus geht es bei dem Begriff Abseits um die menschliche Außenseiterposition; es geht um die Abseitsstellung vom Mainstream, um das menschliche Abseits, das sich im Denken und der Sichtweise auf die Realität widerspiegelt.

In diese Außenseiterrolle wird der Mensch in unserer Gesellschaft gedrängt, wenn er sich nicht konform verhält. Hier treten meist räumliches und gesellschaftliches Abseits zusammen in Erscheinung.

Immer sind es Opfersituationen, in denen sich der Mensch befindet, in die er gedrängt oder gezwungen oder in die er sich freiwillig begibt, um sich durch seine Außenseiterposition aus dem Meer der Allgemeinheit herauszuheben.

Wie schon gesagt, haben wir in dieser Ausstellung ein breites Spektrum zu zeigen versucht.

Ich werde nun die einzelnen Künstler vorstellen:

Susanne Scholz

Foto: Susanne Scholz

Frau Susanne Scholz aus Lauchheim  ist mit einem Bild in dieser Ausstellung vertreten. Das Bild „ The team“ ist im Werkzyklus einer Gruppenausstellung in der With-Space Gallery in Peking ausgestellt worden und gerade aus China zurückgekommen. Es beschreibt Kinder einer Mannschaft, von denen zwei sich versöhnend die Hände reichen. Ein Mädchen auf der rechten Seite steht mit dem Rücken zur Gruppe; sofort assoziiert man das Ausgeschlossen sein – Ausgrenzung statt Teamgeist.

Die räumliche Nähe des Mädchens zur Gruppe, die Haltung und der Blick in die Ferne drängen das Kind in das Abseits.

Joachim Lehrer

Foto: Joachim Lehrer 

Im großen Gegensatz dazu steht die Arbeit von Joachim Lehrer. Seit 1983 schafft er kontinuierlich als freischaffender Maler Werke, die an die bekannten Surrealisten erinnern. Dinge und Zustände werden nicht in ihrer gewohnten, verständlichen Art dargestellt, sondern als eine Art Traumwelt. Bildrätsel werden gestellt, die bei Joachim Lehrer zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen.

In seinen Bildern ist auch immer eine gewisse Ironie, ein Witz enthalten, bei dem oft alte verrostete Autos oder andere Fahrzeuge eine Seele erhalten und eine Geschichte an einem skurrilen Ort erzählen.

Immer bleibt die Frage im Raum` wie kann das sein` oder `kann das sein`?

Michael Kruscha

Foto: Michael Kruscha

Ich komme jetzt zum Fotografen und Maler Michael Kruscha aus Berlin.

In dieser Ausstellung ist er mit Fotoarbeiten aus seiner `BUSSTOPS` Serie vertreten, die eine Sammlung von Fotografien aus den letzten Jahren darstellt.

Wie man an den Motiven leicht erkennen kann, ist er viel gereist. Wartehäuschen in verschiedenen Architekturen im Abseits, jedoch ohne wartende Menschen. Der Betrachter wird in die Ferne versetzt, in die Wüste, den Dschungel oder auf irgendeine Wiese.

Das Irgendwo-ankommen oder Irgendwo-hinfahren gibt Anreize für phantastische Geschichten.

Krusches Fotografien sind aber nicht nur Bushaltestellen im Abseits, weit weg jeglicher Zivilisation. Sie haben auch alle eine gestalterische, oft bizarre Schönheit, die einzigartig ist. 

Auch hier ist es, wie bei Joachim Lehrer, der Ort, an dem diese

Schutzhäuschen stehen, aber kein Mensch zu sehen ist; mit der Ausnahme, dass diese Orte real existieren.

Sylvia Reuße

Foto: Sylvia Reuße

Ganz anders sind die Arbeiten von Sylvia Reuße aus Dortmund. In ihrer Malerei sind Schnappschüsse zu sehen, eigentlich ganz gewöhnliche Momentaufnahmen aus der Umgebung von Dortmund oder irgendeiner anderen Stadt im Ruhrgebiet. Sie findet ihre Motive unterwegs in Bus, in der Bahn, zu Fuß oder anders und hält sie zunächst mit der Kamera fest. Später im Atelier dienen dann diese Aufnahmen im Malprozess als Gedankenstütze. In ihren Acrylbildern werden dann nicht nur das Wahrgenommene, sondern auch ihre eigenen Emotionen zum Ausdruck gebracht.

Nicht die Realität als solche, sondern die Geschichte, die sich aus den Bildern entwickelt, steht im Vordergrund.

Zu sehen sind immer Bilder, die das Abseitige eines Ortes zeigen; eigentlich hässliche Straßenecken, Hafenanlagen oder Autobahnen, in denen nur sehr sporadisch oder gar keine Menschen zusehen sind, aber immer menschliche Spuren in Form eines Einkaufswagens, der abgestellt wurde oder eines Imbisstandes. Es sind Großstadtszenen, wie sie überall in Deutschland und anderswo zu finden sind. Orte, an denen sich oft Außenseiter aufhalten.

Mit ihrer expressiven Maltechnik bekommen Telefonzellen, Imbissstände, der Einkaufswagen oder der Straßenarbeiter eine unmittelbare Präsenz. Sie erzählen eine Geschichte, der man nicht entweichen kann; es sind Geschichten von Menschen als Außenseiter, oft auch alte und kranke Menschen.

Sandra Riche

Foto: Sandra Riche

Als letzte Künstlerin dieser Ausstellung stelle ich Sandra Riche –gebürtige Französin, lebt und arbeitet in Berlin- vor.

Sie ist hier mit ihrer Videoarbeit unter dem Titel „ Erst im Winter werden die Tage länger“ vertreten. Die Künstlerin hat in Grenoble und in Düsseldorf an der Akademie Kunst studiert und schon zahlreiche Auszeichnungen für ihre Arbeiten erhalten, u. a. den Schöneberger Kunstpreis für die hier gezeigte Arbeit.

Das Video, das im Nebenraum läuft, bezieht sich auf eine wahre Geschichte eines deutschen Ehepaares in der damaligen DDR. Dieses Ehepaar wusste, dass es in der eigenen Wohnung von der Staatssicherheit abgehört wurde.

Aus Angst vor einer ernsthaften Unterhaltung und um dieser Bespitzelung zu widerstehen, boten Bücher die Möglichkeit des inneren Widerstandes.

Indem sich das Paar gegenseitig aus Büchern vorlas, versuchte es sich nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren und so die Kommunikation mit Worten aufrechtzuerhalten.

Wer nun denkt, er bekomme einen bedrückenden Videofilm zu sehen, ist angenehm überrascht. Eine Männerstimme liest aus einem Buch vor – aus einem bekannten Werk eines bekannten Autors , „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz.

Eine Einstellung zeigt die Hände eines Mannes, die ein Buch umfassen, eine andere eine leere Bank in einer stillen Winterlandschaft, eine weitere macht uns zu Spitzeln- wir schauen durch einen Spion.

Diese Bilder bleiben haften; im Hintergrund immer die monotone Stimme, die aus dem Buch vorliest und die poetischen Bilder verstärkt.

Die Zeit scheint still zu stehen, Flammen eines Gasbrenners werden angezündet und verlöschen, aus dem leichten Klopfen einer Hand wird ein kraftvolles melodisches Trommeln. Und dann der Blick durch den Spion auf ein Fenster.

Immer heftiger schlägt die Hand nun gegen eine Wand und macht das bedrohliche der Situation deutlich.

Worte prägen sich aus dem Hintergrund ein „die stumme Opposition der Dinge“  oder Worte wie „nimm Dich in Acht vor den falschen Nutzern der Geschichte“.

Es sind Stimmungen und Gefühle, die hier vermittelt werden, ohne dass dies mit einer Überflutung der bildnerischen Reize einhergeht.

Meine Damen und Herren, nehmen Sie sich die Zeit das 13 minütige Video anzusehen, es lohnt sich.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

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