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Wahrheit

Sieben künstlerische Positionen


Elke Dombrowski, Münster
Peter Dorn, Nagold
Barbara Fuchs, Speichersdorf
Beate Höing, Coesfeld
Iris Hutegger, Basel
Gabriela Morschett, Müllheim
Steffen Osvath, Stuttgart


Einführung:

Klaus Grundmann

Dipl. Designer, Innenarchitekt, Künstler
Mitglied des Kuratoriums

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie auch im Namen des Kuratoriums recht herzlich heute Abend hier zur 4. Ausstellung im badischen
kunstforum.

Seit nun fast genau einem Jahr zeigen wir hier Arbeiten von Künstlern aus Deutschland und den benachbarten Ländern, die ihre Arbeiten zu einem von uns ausgewählten Thema eingereicht haben.

Ich werde immer wieder gefragt, wie wir zu den Künstlern kommen, die hier im Kunstforum ausstellen können.

Die Künstler bewerben sich mit ihren Arbeiten zu diesem speziellen Thema direkt beim kunstforum; dazu wird die Ausstellung auf einer speziellen Internetseite des badischen kunstforums ausgeschrieben. Hier kann man auch die Bewerbungsbedingungen einsehen. Die Künstler selbst sorgen für An- und Abtransport der Bilder; alle anderen Kosten werden zum Teil durch Sponsoren, die wir immer wieder neu ansprechen und suchen, getragen – diesmal ist es die Anwaltskanzlei im Kepler Park, die das Kunstforum unterstützt.

Wir erhalten dann per Post von Interessenten die Arbeiten zu diesem gewählten Thema in Form von Katalogen, digitalen Bildbeispielen und erläuternden Texten. Bei dieser Ausstellung unter dem Thema Wahrheit sind es ca. 150 Zuschriften gewesen.

Wichtig ist uns bei der Auswahl immer wieder unterschiedliche künstlerische Positionen zu einem Thema zu zeigen und so anzuregen zu einer Auseinandersetzung über Kunst und Gesellschaft.

Es ist nicht einfach, aus so einer großen Zahl an Zuschriften die besten Arbeiten auszuwählen und zu einer Ausstellung zusammenzuführen.

Kommen wir zum Thema dieser Ausstellung: Wahrheit

Was ist Wahrheit...........?

Eine etwas spöttische Frage! Pilatus, der sie an Jesus stellte, ging fort, ohne die Antwort abzuwarten. Er wusste: Es gibt keine wahre und richtige Antwort!

Wir sind heute noch nicht weiter.

Allerdings hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Wahrheitsfindung ein Prozess ist, bei dem die Menschen versuchen, der Wirklichkeit immer näher zu kommen, jedoch ohne sie ganz erreichen und begreifen zu können.

Die Geschichte kennt viele Philosophen und genauso viele Wahrheitstheorien; alle haben aber ein gemeinsames Ziel; es ist die ständige Suche nach der einen Wahrheit, nach Gewissheit.

Künstler und Philosophen beschäftigen sich immer wieder neu mit diesem Thema. Lange Zeit ist der Begriff der Wahrheit als Übereinstimmung gedanklicher Vorstellungen mit der Wirklichkeit definiert worden. Sie wurde – in unserer abendländischen Weltanschauung- immer als Relation zwischen zwei Bezugspunkten verstanden, die eindeutig als wahr und falsch identifiziert werden konnten.

Es gibt kein allgemeines Kriterium für die Wahrheit.

Zahlreiche Positionen zur Wahrheitsdefinition haben sich manifestiert.

Die absolute Wahrheit bezeichnet dabei das endgültige Wissen über einige bestimmte Aspekte der Wirklichkeit.

Die relativen Wahrheiten dagegen können sich zu neuen absoluten Wahrheiten durch Zusammenführen neuer Erkenntnisse entwickeln.

Es ist die Sehnsucht und die Notwendigkeit, die Philosophen und Künstler immer wieder antreibt, ein kleines Stück Wahrheit zu finden, und diese Erkenntnis dann auch in Schrift, Bild oder Klang auszudrücken und umzusetzen.

Natürlich fordert dies auch vom Künstler eine wahre, echte Einstellung zu seinem Tun.

Der Künstler ist in seinem Schaffensprozess frei – frei von Zwängen - das macht die Kunst wahr.

Wir haben im Kuratorium bei der Auswahl der sieben hier ausgestellten Künstler lange diskutiert, was die einzelnen Werke mit dem Thema Wahrheit zu tun haben. Bei der endgültigen Auswahl waren wir uns aber dann einig:

Es ist die Authentizität, die Echtheit, das Nicht-gekünstelt-wirken der Arbeiten, was uns zu dieser Entscheidung geführt hat. Es ist die Idee der Wahrheit, die in den Arbeiten steckt.

Bei den hier ausgestellten Arbeiten geht es also nicht darum die Wahrheit oder vielmehr Wahrheitstheorien darzustellen, sondern es geht um den Umgang des Künstlers mit diesem Begriff.

Ich werde nun die einzelnen Künstler in Bezug auf die hier ausgestellten Bilder vorstellen; auf ihre Vita werde ich nicht weiter eingehen, da es hier den Rahmen sprengen würde.


Elke Dombrowski

Foto: Elke Dombrowski


Ihre hier ausgestellten Bilder in Öl auf Leinwand erscheinen wie Momentaufnahmen aus einer Traum oder Erinnerungswelt. Fotos von Menschen schneidet sie aus, isoliert sie aus ihrem Umfeld und setzt sie dann in einen neuen Zusammenhang. So entstehen Bilder, die sehr emotional wirken.

Die Personen bewegen sich in einer neuen Welt, die unbekannt ist.

Sie selbst schreibt über Ihre Arbeiten:
„In meinen Bildern entsteht eine Stimmung, die nicht eindeutig ist, so dass die Suche nach der eigenen Wahrheit – ob skurril, freundlich oder unheimlich - gefordert ist.“

Bildtitel wie „drauf zu“ oder „sehen und finden“ sind Ausdruck einer ständigen Suche nach der wahren Geschichte, die in ihren Bildern erzählt wird. Ob sie gefunden wird, bleibt offen. Jedem Betrachter ist es selbst überlassen zu erforschen.

Mir erscheinen die Arbeiten wie Märchenbilder, bei denen der Phantasie keine Grenzen gesetzt werden. Es werden menschliche Gestalten gezeigt, die in die Ferne sehen oder gehen - in ein unbekanntes Nichts.


Peter Dorn

Foto: Peter Dorn


Er arbeitet vornehmlich mit Installationen und Environments, d.h. Kunstobjekte verschmelzen mit der Umgebung.

Die hier ausgestellte Arbeit ist ein Schriftbild, mit dem sich der Künstler auch den Sprachraum als Experimentierfeld eröffnet.

Dabei geht es Dorn in seiner Arbeit nicht um die Suche nach einer neuen Schrift, sondern es geht ihm um den Rhythmus, also um die Abfolge von Zeichen. Darin bekommt der Zwischenraum eine besondere Bedeutung.

Erst durch das Nichts – die Leere zwischen den Zeichen – existiert das Zeichen; so verhält es sich auch in der Musik, bei der der Klang den leeren Raum benötigt, um sich zu entfalten genauso wie beim Verhältnis von Objekt zu Raum.

Immer ist es der Zwischenraum, der beim Menschen eine wesentliche Rolle in der Wahrnehmungsempfindung spielt.

Genauso sind seine Schriftbilder zu betrachten; nicht die Zeichen haben eine Bedeutung, sondern der Zwischenraum. Geht man als Betrachter von dieser Seite an die Bilder heran, so wird sich die Frage stellen:

Wie wahr ist demnach unsere dingliche Welt, in der sich alles nur durch den Zwischenraum definiert?


Barbara Fuchs
zahlreiche Auszeichnungen und Kunstpreise

Foto: Barbara Fuchs


Die Bilder, die Sie hier sehen, sind zum einen Arbeiten aus einer Serie mit dem Titel 66 Lichter.

In dieser Serie sehen wir Bilder von Menschen herausgenommen aus dem ursprünglichen Umfeld und mit Versatzstücken versehen und in eine neue Umgebung gesetzt.

Sie treten in eine neue Beziehung zueinander und schaffen so eine neue Realität, die oft absurd und übertrieben wirkt.

Barbara Fuchs geht es bei diesen Bildern, wie sie selbst schreibt, um die Eindrücke aus den Massenmedien.

Bevor wir diese sehen, sind sie schon durch die Filter vieler anderer Personen (des Kameramanns, des Journalisten, des Redakteurs) gegangen und so manipuliert worden.

In der Serie 66 Lichter wird bruchstückhafte Realität konstruiert. Jeder einzelne Mensch trägt seine eigene Wahrheit in Form seiner Wünsche, Ziele, seiner Geschichte mit sich herum.

Es ist nur möglich, die einzelnen persönlichen Wahrheiten zu erahnen.

Erst dann entsteht ein neues Beziehungsgeflecht, aus dem wiederum eine neue Realität oder Wahrheit entstehen kann.

Im zweiten Bilderzyklus werden 3 Bilder aus der Serie „ Warten“ gezeigt

Es sind drei männliche Personen zu sehen, die in einer leeren Umgebung dastehen und warten; automatisch versucht der Betrachter dieser Bilder die Personen zu qualifizieren. Im Gesichtsausdruck ist etwas Suchendes zu finden.

Wir alle kennen diese Situationen aus unserem täglichen Leben. Ein Fragment einer Lebenssituation, eine Momentaufnahme, die so und nicht anders ist und damit wahr ist.


Beate Höing

Foto: Beate Höing


Die hier ausgestellten Bilder von Frau Höing sind aus einem Zyklus, der eine Reise in die eigene Vergangenheit widerspiegelt.

Die kleinformatigen Bilder wirken wie Fotos aus unserer Jungendzeit. Sie zeigen Momentaufnahmen der Erinnerung und erwecken Emotionen wieder zum Leben.

Die Größe der Bilder im Format 30x30 schafft dabei eine Konzentration auf das Wesentliche; Farben und Linienführung erzeugen eine Stimmung, die den Betrachter berührt und ihn neugierig macht. Man kennt diese Lebenssituationen aus der eigenen Kindheit.

Titel wie „Auf dem Sofa“ oder „Sonntagsspaziergang“ oder „Kommunion“ führen den Betrachter in seine eigene Geschichte.

Banale Alltagssituationen oder Familienfeiern erhalten eine Allgemeingültigkeit, die von unserem heutigen Standpunkt aus betrachtet gedeutet werden können.

Die Art der colorierten Skizzen – wie ich es nennen möchte - unterstützt

die Echtheit, das Wahre in der Darstellung und den Emotionen, die die Bilder auslösen. Die Blocklochung der Arbeiten lassen den Bilderzyklus wie einen kleinen Film erscheinen.

Die Darstellung der Personen ist ursprünglich und aus kindlicher Sicht gezeichnet. Perspektive oder Proportionen spielen eine untergeordnete Rolle. Gerade dies macht die Bilder so authentisch. Man spürt regelrecht, wie sich die Künstlerin in ihre eigene Vergangenheit zurückversetzen kann.


Iris Hutegger
Hochschule f. Gestaltung in Basel und Zürich

Foto: Iris Hutegger


Mit Frau Hutegger präsentieren wir hier im badischen kunstforum eine Künstlerin, die ihre ganz eigene Technik gefunden hat, um ihrer Notwendigkeit, sich auszudrücken, nachzukommen.

Fotografien – analoge Farbnegative- werden von ihr als schwarzweiß Abzug entwickelt.

Bei diesem Entwicklungsprozess gehen feine Grauwerte verloren; es entstehen Informationslücken, die dann durch ein Benähen der Bilder zu neuen Inhalten führen.

Zunächst scheint das Benähtwerden eher chaotisch zu erfolgen. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckt der Betrachter neue Strukturen. Das Bild wird haptisch erfahrbar, es bekommt eine neue räumliche Tiefe.

Der Leerraum als Zwischenraum bekommt eine neue Bedeutung.

Frau Hutegger sagt selbst:

„In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit dem Raum und dessen Wahrnehmung. Mit verschiedenen Materialien zeichne ich im Raum begehbare Bilder. Mich interessieren Leerräume, sie werden zu Reflexionsflächen für den Betrachter.“

Ein Fadennetz überspannt in ihren Landschaftsbildern Felsformationen oder Buschwerk; es sind karge Landschaften, die in ihrer Übermächtigkeit und Härte unnahbar, unbezwingbar erscheinen.

Durch das Benähen der Fotografien wird diese Härte genommen. Die Landschaften bekommen eine neue Struktur, die durch die Wahl der Farben bei den Fäden eher heiter und leichter wirken und so den Zugang für den Betrachter ermöglichen.

Der Mensch fehlt in diesen Landschaften; es ist der Betrachter, der sich in die Landschaftsbilder hinein begeben soll als ewig Suchender.


Gabriela Morschett

Foto: Gabriela Morschett


Die Frage nach der Wahrheit hängt für Frau Morschett eng mit dem Verständnis der Wirklichkeit zusammen.

Wahrheit selbst, wie ich es eingangs schon gesagt habe, ist nicht eindeutig identifizierbar. Es ist eine ständige Suche nach dem, was wirklich wahr ist.

So ist die Wahrheit in den Arbeiten von Frau Morschett die subjektive Reflexion auf die erlebte Wirklichkeit der Künstlerin.

Formen und Strukturen, die wir sehen, werden so zu einem komplizierten Netzwerk in dem wir das Wahre, die Realität suchen können. Es ist ein fortlaufender Prozess des Erlebens, Denkens und des Erzählens einer eigenen Wirklichkeit.

Das Bild - eine Radierung - mit dem Titel „Skript“, das wir u.a. hier in dieser Ausstellung sehen, entstand im Jahr 2003.

Es sind Schriftsymbole erkennbar, die wie auf einer chinesischen Schriftenrolle aneinandergereiht sind.
Diese Struktur wird dann überlagert von einem stark emotional wirkenden Liniengewirr in Rot, dass den momentanen Zustand der Künstlerin im Schaffensprozess festhält.
Ja - fast wie ein Vulkanausbruch wird die gleichförmige Struktur des Untergrundes überzeichnet. Schriftzeichen und das Liniengewirr gehen eine neue Verbindung ein, erzeugen ein neues Spannungsfeld.
Systematische Suche nach Struktur und Ordnung wird hier überlagert vom Wissen über das Chaos und die Unfähigkeit etwas Absolutes zu schaffen.
Neues ist durch den künstlerischen Schaffensprozess entstanden,
in dem ein Stück Wirklichkeit und Wahrheit der Künstlerin steckt.


Steffen Osvath
Kunststudium an der Staatl. Kunstakademie in Stuttgart

Foto: Steffen Osvath


Die Arbeiten von Steffen Osvath sind gerahmte Fotografien von Menschen ganz unterschiedlicher Art und Zusammenstellung.

Die Rahmen haben ursprünglich in ganz normalen bürgerlichen Wohnstuben gehangen; es waren Schiffsbilder, Obstschalen oder Blumenvasen eingerahmt.

Diese Bilder sind ausgetauscht worden durch den Künstler mit zuvor bearbeiteten Fotografien von Personen, die in solchen Räumen gelebt haben.

Osvath sieht sich nicht als Fotograf, sondern eher als Fotoarchäologe, der das Wesentliche aus den Fotos herausarbeitet und das Unwesentliche schwärzt, abschabt, übermalt oder völlig ausradiert.

Die Bilder entstehen in Schüben und werden in der jeweiligen Ausstellung jedes Mal neu gruppiert.

Bildfolgen werden so getrennt und zu Neuem zusammengeführt.

Immer neu treten die Bilder in eine andere Beziehung zueinander und erzählen eine andere Geschichte, ohne dass an der Darstellung etwas verändert worden ist.

So kann es sein, das eine Wandergruppe von Personen neben einem Soldatenbild zu einem Flüchtlingsbild wird und neben dem Blinden zur Lemminggruppe, die ins Nirgendwo wandert.

Vergänglichkeit und Austauschbarkeit werden deutlich; es gibt nicht die eine wahre Bildaussage; jede einzelne hat ihre Berechtigung und kann zu einer neuen Bildgeschichte in einem neuen Bildumfeld beitragen.

Die Wahrheit von Bildaussagen wird in Frage gestellt; und jeder von uns setzt seine subjektive Wahrheit aus Erfahrungs- und Bildfragmenten zusammen. Wie vergänglich und brüchig und ersetzbar Wahrheit ist, macht die hier gezeigte Bildinstallation deutlich.


Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich hoffe ich konnte Ihnen ein wenig darstellen, wie sich Künstler mit dem Thema Wahrheit auseinandersetzen und welch vielschichtige Betrachtungsweisen es gibt.

Der Kunst kommt in unserer multimedialen Welt, in der digitale Realitäten an jedem Computer erzeugt werden können, eine besondere Aufgabe zu:

Sie wird zum Zufluchtsort der Wahrheit und der Wahrheitsfindung.
Und solange es die Menschheit gibt, wird es auch die Suche nach Wahrheit geben.

Ich möchte meine Einführung abschließen mit einem Zitat von Wilhelm Busch:
„Die Wahrheit ist zu schlau, um gefangen zu werden“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dipl.Des. Klaus Grundmann, Oktober 2009

badisches kunstforum
Foto: Dipl.-Ing.Florian Geyer, Mühlenweg 3,79285 Ebringen, Tel.: 07664-619768

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