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Schrittmacher

neun künstlerische Positionen


Matthias Dämpfle, Freiburg i.Br.
Stephan Groß, Braunschweig
Christian Hasucha, Berlin
Ingrid W. Jäger, Heilbronn
Rosemarie Kraus, Pforzheim
Bettina Mauel, Köln
Thomas Neumaier, Ingolstadt
Maria Vedder, Berlin
Gerhard Völkle, Binzen


Einführung: Diana Adamović, M.A.

Dauer der Ausstellung 14. Juni bis 26. Juli 2009


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Künstler,

Ich möchte Sie heute Abend herzlich willkommen heißen zur Eröffnung der Ausstellung im badischen kunstforum mit dem Thema Schrittmacher.

Die Auswahl der Arbeiten fand wieder durch das Kuratorium des badischen kunstforums statt, welches sich diesmal für die Werke von neun Künstlern, die teilweise mit mehreren Arbeiten vertreten sind, entschied.

Zum Thema:

„Schrittmacher“ versteht sich als Vordenker. Jemand, der etwas in Gang setzt aus dem Jetzt heraus. Ein Initiator. Im Individuellen, wie im kollektiven Sinne. Es hat also zunächst eine positive Konnotation. Aber wie wir an den Arbeiten sehen werden, sind die künstlerischen Auseinandersetzungen nicht darauf beschränkt. Es kann einen völligen Neuanfang bedeuten, ebenso kann es auch eine eingeschlagene Richtung sein, die sich später als falsch herausstellt und Negatives nach sich zieht.
Barack Obama ist beispielsweise ein globaler Schrittmacher, als er bei seinem Besuch in der arabischen Welt Israel kritisiert und neue Möglichkeiten für ein friedliches Zusammenleben der Völker und Religionen aufzeigt. Dieser Schritt verlangt Mut und auch so etwas wie Weisheit, da er in dieser Hinsicht mit der amerikanischen Tradition bricht.
Von der Frage nach dem Funken, der einen vorantreibt, über die Art und Weise des Vorwärtskommens, hin zu Fragen über den transitorischen Zustand des Gehens werden thematisiert.
Mit welcher Motivation und welchem Ziel schreitet jemand voran?
Das und vieles mehr gibt es in dieser Ausstellung zu entdecken.
Sie sind herzlich eingeladen, sich Ihre eigenen Gedanken zu machen und sich inspirieren zu lassen von den künstlerischen Arbeiten.
Die neun ausgewählten Künstler haben das Thema sehr unterschiedlich bearbeitet und interpretiert.

Nun werde ich Ihnen in aller Kürze die Arbeiten vorstellen

Matthias Dämpfle

Foto: Matthias Dämpfle

Matthias Dämpfle veranschaulicht mit seiner Fotoarbeit aus dem Jahre 2009 und dem Titel „Kreislauf mit externem Antrieb“ eine technische Vorstellung des Themas Schrittmacher.

Es handelt sich um eine Fotocollage, die mit Hilfe des Computers entstand und dann ausgedruckt wurde als sogenannter Digitaldruck.

Es ist eine konkrete Interpretation, die einen Kreislauf veranschaulicht, der extern in Gang gesetzt wird, wie man es von einem Herzschrittmacher kennt.

Hier wird Organisches, Selbstregulierendes wie der Kreislauf des Herzens zusammengebracht mit medizinisch anmutenden Geräten. Der Herzschrittmacher taucht natürlich als Assoziation auf. Nur wird hier dieses System umgedreht: das Herz dient als Schrittmacher, da der technische Kreislauf allein keinen Impuls zum Funktionieren gibt.

Stephan Groß

Foto: Stephan Groß

Stephan Groß ist vertreten mit zwei Arbeiten aus dem Jahr 2009 sowie 2006.

Das Thema Schrittmacher wurde hier metaphorisch umgesetzt. Es geht dem Künstler um soziale Schritte, um Schritte in und für die Gemeinschaft in einer technologisierten Welt.

Es wird das Bedürfnis nach Wahrheit, Gerechtigkeit und auch Schönheit beschrieben, das im Widerstreit steht zu einer überhandnehmenden Robotik und Informatik, die den Alltag vielerorten dominiert.

Das Menschliche wird dadurch anonymisiert.

Die detailreichen Fotocollagen von Stephan Groß beschäftigen sich mit der menschlichen Reaktion auf das „Technische“ wie Neugierde, Wut, Ausgrenzung und Widerstand.

Die Schrittmacher sind hier subtil in beiderlei Hinsicht zu verstehen. Diejenigen, die die Technik vorantreiben stehen abstrakt jenen Menschen gegenüber, deren Arbeit oder Einsatz sie scheinbar überflüssig machen.

Christian Hasucha

Foto: Christian Hasucha

Christian Hasucha ist mit dem Video „Herr Individual geht“ aus dem Jahr 2006 vertreten, welches in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bochum hergestellt wurde. Diese Arbeit ist eigentlich eine Performance, eine künstlerische Aktion, die erstmals 1987 live in Berlin und schließlich in weiteren Städten aufgeführt wurde.

Daher gibt das Video dem Betrachter eine gänzlich andere Perspektive als bei einer Live-Vorführung.

Das Video zeigt den Künstler, der an einem beliebigen Platz in der Stadt auf einem aufgestellten Sockel ein Laufband befestigt hat und darauf geht. Das macht er einige Stunden lang, dabei reagiert die Umgebung auf ihn mit Befremden oder Neugier.

Das Laufen auf dem Laufband inmitten von fließendem Verkehr und dem üblichen städtischen Getriebe, erweckt den Anschein von Stagnation. Die Schritte bringen ihn nicht voran. Aber die Performance konzentriert sich auf das Gehen an sich und hat somit mehr meditativen Charakter. Darin erinnert es an die Arbeit von Richard Long, einem Land-Artist-Künstler. Es geht hierbei um die Erschließung neuer Werkräume und ein neues Inbezugsetzen bestimmter Tätigkeiten wie das Gehen oder Voranschreiten.

Christian Hasucha schreitet in seiner Performance auf der Stelle und bewirkt damit die mehr oder weniger starke Reaktion der Passanten, die anfangen darüber nachzudenken.

Ingrid Jäger

Foto: Ingrid Jäger

Ingrid Jäger ist mit zwei Plastiken vertreten. Die Künstlerin beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit dem Thema Schritte und Schrittemacher/Innen.

Sie bearbeitet das Thema immer wieder in unterschiedlichen Materialien mit verschiedener Aussage und Dynamik.

Ingrid Jäger versteht einen Schritt sinnbildlich als Entschluss und verdeutlicht schließlich die Entwicklung, die daraus hervorgeht. Dies kann die eigene persönliche sein als auch die eines Kollektivs. Die Plastiken zeigen eine sehr hohe Dynamik und setzen das Schrittmachen ganz konkretistisch, vom menschlichen Körper ausgehend, um.

Rosemarie Kraus

Foto: Rosemarie Kraus

Rosemarie Kraus hat sich mit sieben Fotoarbeiten aus den Jahren 2006/07 am Thema beteiligt. Es handelt sich um sehr kleine Formate, die eine große Dichte und Konzentration des Dargestellten ermöglichen.

Die Fotografien sind zusätzlich Ausschnitte, die aus einem größeren Zusammenhang gerissen sind.

Die Arbeiten sind gekennzeichnet durch diese visuelle Komprimierung. Um auch die eigenen Worte der Künstlerin zu gebrauchen:

Sie brauchen einen Betrachter, der bereit ist, die Bilder zu lesen, sie zu entziffern und ihre Position im Raum und zueinander zu bestimmen.

Die Arbeiten sind in schwarz-weiß gehalten und lenken daher den Blick noch mehr auf Inhalt und Form. Dadurch wir ebenfalls eine hohe geistige Dichte des Dargestellten erreicht. Das Thema Schrittmacher ist hier auf eine erzählerische und geheimnisvolle Weise umgesetzt. Man ahnt Geschichtsträchtiges und Schicksalhaftes.

Bettina Mauel

Foto: Bettina Mauel

Bettina Mauel hat mit zwei Gemälden an der Ausstellung teilgenommen. Eine Arbeit mit dem Titel „Beine“ von 2007 und „Ich tanze“ von 2009.

Die Künstlerin befasst sich mit dem Thema Schrittmacher im Hinblick auf den Tanz.

Hier steht die Ästhetik eines Schrittes im Mittelpunkt.

Ihre Ausdrucksweise als auch das dominante wiederkehrende Motiv des Tanzes erarbeitete sich Bettina Mauel in der Zusammenarbeit mit der berühmten Tanztheatermacherin Pina Bausch, die das Tanztheater revolutioniert hat und auch den Blick auf die Menschen. Sie arbeitete ohne Vorlagen und ohne Chreographie: Ihr Ausgangsmaterial ist der Mensch selbst. Das gelebte und ungelebte Leben sucht sich seine Sprache in der Bewegung. Irgendwo ist alles sichtbar, auch das Unterdrückte. Der Tanz soll Bewusstwerdung und Gefühl sein.

Bettina Mauel inszeniert in ihrer eigenen künstlerischen Arbeit die Ästhetik und Kraft eines Schrittes und setzt dies in figurative Malerei um, die sehr kraftvoll und stets ein wenig verschwommen und offen bleibt.

Thomas Neumaier

Foto: Thomas Neumaier

Thomas Neumaier eröffnet mit seinem Beitrag eine neue Perspektive auf das Ausstellungsthema mit seiner Objektkunst. Die Arbeit trägt den Titel „Nordic Painting“ und stammt aus dem Jahr 2006.

Die zwei Stöcke, an deren unteren Enden Pinsel befestigt sind, versinnbildlichen einen Schritt ex negativo. Nicht ein Schritt ist dargestellt, sondern seine Hilfsmittel. Geräte, die man nur benutzt, wenn man einen Schritt macht, sonst sind sie zweck- und sinnlos.

Mit diesen Geräten assoziiert man Gehen und Voranschreiten, aber sie sind nur ein Hilfsmittel für das Schrittemachen, nicht eine Kraft, ein Subjekt selbst, was sich bewegt und in eine bestimmte Richtung drängt.

Thomas Neumaier stellt sich die Frage nach der Beschleunigung;

In unserer Gesellschaft, in der Wahrnehmung der Natur und in der Beschleunigung der eigenen Schritte.

Die Stöcke sind aus ihrem eigentlichen Zusammenhang herausgenommen und ermöglichen es anders darüber nachzudenken. Die Pinsel verweisen auf die Idee der Landschaftsmalerei, die im Wahrnehmen der Natur begründet liegt.

Hier wurde nicht die initiative Kraft des Schrittes direkt bearbeitet, sondern die Vorstellung von der Geschwindigkeit eines Schrittes. Schließlich rückt auch die Frage nach der Wahrnehmung der Umgebung im Gehen in den Mittelpunkt.

Maria Vedder

Foto: Maria Vedder

Maria Vedder ist als Medienkünstlerin mit einer Videoinstallation von etwa 8 Minuten Länge vertreten. Die Musik für das Video ist von Brian Eno ausgewählt. Der Titel der Arbeit lautet „Schwelle“. Es zeigt eine Aufnahme der Schritte von Passanten aus der Unterperspektive durch eine Milchglasscheibe, der Rest der Körper bleibt verschwommen. Man sieht eilende Menschen, ohne ihr Ziel oder ihre Herkunft zu erfahren. Es scheint ein Flughafen zu sein oder ein Metropolbahnhof- ein Ort des Übergangs. Hier wird die permanente Bewegung, das Transitorische zum Bild selbst.

Die Schrittmacher sind hier als typische Nomanden unserer Zeit eingefangen. Es scheint kein Ankommen zu geben, nur Bewegung, nur ein Durchreisen zwischen Hier und Dort. Das Unterwegssein wird infrage gestellt und vergeistigt durch die entfremdete Perspektive, was wesentliche Fragen nach sich zieht, wie: Wohin sind wir eigentlich unterwegs?

Die Videoarbeit sagt mit reduzierten Mitteln viel aus, die gewählte Perspektive stellt auch gleichzeitig eine Grenze zum Geschehen dar. Die Künstlerin befasst sich in dieser Arbeit mit der Schwelle, die zwei Orte voneinander trennt, ebenso eröffnet sie ein Nachdenken über Lebensphasen, die auch mit einem Übergang beginnen oder enden.

Gerhard Völkle

Foto: Gerhard Völkle

Gerhard Völkle ist ein bekannter Maler und Bildhauer aus dem Markgräfler Land.

Er hat sich mit zwei Plastiken aus dem Jahr 2008 an der Ausstellung beteiligt.

Seine Arbeit beschäftigt sich in einer klaren Formensprache anhand des menschlichen Körpers mit der Frage der Ausdauer des Gehens und Laufens.

Dargestellt sind drei männliche Figuren in Seitenansicht nebeneinander, die in aufeinander folgendem Laufschritt angeordnet sind

Die athletische und minimalistische Gestaltung verdeutlicht zudem die Leichtigkeit eines Schritts. Eine Beschreibung der eigenen Arbeit lautet: „Laufen, laufen, immer weiter vorwärts zum Ziel. Kein Stillstand.“

Auch hier sind weder Anfang noch Ziel relevant, es ist das Laufen selbst, das Gerhard Völkle in den Blick nimmt. Er denkt nicht über Grenzen nach oder über die natürliche Ermüdung, sondern einzig und allein über den Zeitraum, wenn die eigene Kraft in Bewegung mündet.

Durch die auf eine Fläche reduzierte Plastik und auch die damit einhergehende plastische Reduktion erscheint die Arbeit zeichnerisch, was den leichtfüßigen Charakter noch vertieft.


Zum Schluss möchte ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse bedanken und natürlich ein ganz herzliches Dankeschön den Künstlern für ihre Arbeiten.

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